Selbstständig und alleinerziehend: Wenn Selbstfürsorge zur Utopie wird

alleinerziehend und selbstständig

Selbstoptimierung, Selbstfürsorge und Mütter, die entspannt ihren Kaffee genießen und dabei gewandt plaudern: Das Bild in den Medien. Die Realität sieht als alleinerziehende und selbstständige Mama oft ganz anders aus: Gerade, wenn die Kinder noch klein sind, ist Zeit zum Durchatmen ganz eng mit der Tagesform des Kleinkindes verbunden – an manchen Tagen erleben wir diese Momente gar nicht, an anderen Tagen klappt es hervorragend.

Was fest steht: Dem Bild der Mutter, das die Medien und die Gesellschaft propagieren, entsprechen die wenigstens von uns. Mehr noch: Die Ansprüche, die von außen an uns Mütter herangetragen werden, tragen dazu bei, unseren Selbstwert zu schmälern und Selbstzweifel zu säen.

Wir vergessen ja schon selbst manchmal, dass wir keine Maschinen sind. Dass wir auch nur Menschen mit Gefühlen, Emotionen und Bedürfnissen sind – und eine der größten Herausforderungen ist es, diese Menschlichkeit und Authentizität auch in unser Zusammenleben mit den Kindern einfließen zu lassen. Als Alleinerziehende ist es oft für uns noch schwerer, Platz für unsere eigenen Bedürfnisse im Alltag zu schaffen: Denn natürlich stehen die Kinder für uns immer an erster Stelle – und wir haben nun mal niemanden, der uns in den kritischen 5 Minuten im Alltag eine kleine Pause verschafft.

Von Mutterliebe und der Frage, ob wir gut genug sind

Wir Frauen ticken einfach anders – und wir sind durch Schwangerschaft, Stillzeit und generell unsere weiblichen Hormone noch ganz anders mit unserem Nachwuchs verbunden als die Väter. (Was den Vätern nicht absprechen soll, ebenfalls eine enge Bindung zum Kind aufzubauen – nur anders.) Die Mischung aus Verantwortung und Liebe gegenüber unseren Kindern verleiht uns Stärke, macht uns aber gleichzeitig verletzlich.

Mir wird diese Verantwortung immer ganz besonders bewusst, wenn eines meiner Kinder krank ist – und dadurch so extrem verletzlich und bedürftig. Ich weiß, dass ich jeden Tag mein bestes für meine Kinder gebe. Und trotzdem habe ich von Zeit zu Zeit das Gefühl, dass das alles nicht ausreicht. Ich glaube, auch das ist vielen von uns gemeinsam: Immer wieder zu hinterfragen, ob wir denn alles richtig machen und ob wir denn eine „gute Mutter“ sind (wie immer das auch definiert werden soll).

Selbstoptimierung – das Credo, das zum Wahn wurde

Mit Sicherheit hat auch das damit zu tun, dass das gesellschaftliche Bild von Müttern völlig utopisch und überzogen ist.

Sicherlich auch damit, dass es inzwischen so viele Erziehungsratgeber gibt, die zwar gute Ansätze und Einsichten liefern, aber gleichzeitig auch unser schlechtes Gewissen füttern, wenn wir dann mal nicht alles so perfekt hinbekommen – denn wir wissen es doch besser. Der Trend zur Selbstoptimierung macht auch vor uns Mütter nicht halt. Inzwischen wird schon von einem Selbstoptimierungswahn gesprochen, und das ist völlig richtig.

Denn dabei geht es nicht darum, dass wir uns in unserer Rolle als Mutter oder als Mensch insgesamt weiterentwickeln. Eine größere Reife erlangen. Sondern darum, alle schlechten Eigenschaften und Schwächen auszumerzen und vermeintliche Perfektion zu erlangen.

Für uns Mütter ist dieser Anspruch fatal: Jedes Mal, wenn wir laut werden, haben wir quasi versagt. Jedes Mal, wenn wir uns gestresst fühlen und nicht wie auf Autopilot die Bedürfnisse hinter dem Verhalten unserer Kinder sehen, haben wir versagt.

Bei Selbstoptimierung geht es darum, alle schlechten Eigenschaften und Schwächen auszumerzen und vermeintliche Perfektion zu erlangen.

Und nicht nur das: Es geht nicht mehr allein um unsere „Erziehungskompetenz“. Nein, wir sollen auch noch sportlich, attraktiv und erfolgreich im Beruf sein. Ach ja, und das Haus muss natürlich auch immer und zu jeder Zeit repräsentativ aussehen.

Alleinerziehend: keine Entlastung im Alltag

Bei alleinerziehenden Müttern wiegt das Versagen dann besonders schwer – denn schließlich sind wir allein verantwortlich für unsere kleine Familie, die Finanzen, den Haushalt. Alles, was nicht perfekt läuft – und sei es nur, dass wir einfach nicht den perfekten BMI haben – wird uns direkt angelastet und als Versagen ausgelegt.

liebende und fürsorgliche Mama
Photo by Jordan Whitt on Unsplash

Manchmal gibt es dann solche Momente, in denen wir das Ganze persönlich nehmen. Und auch die Momente, in denen wir wieder mal daran zweifeln, ob wir überhaupt gut genug sind. In diesen Momenten spüren wir die Last der Verantwortung doppelt – denn es ist niemand da, der einen auffängt. Der diese Last sieht, die man als Mutter mit sich rumschleppt. Und der einfach mal sagt: „Hier übernehme ich jetzt. Gönne dir eine kleine Pause.“ Stattdessen – vielleicht nicht in jedem Fall, aber in meinem doch – muss man immer damit rechnen, dass derjenige, der die Verantwortung mit einem teilt, es nur noch schlimmer macht.

Umso wertvoller und wichtiger ist das soziale Netz, dass sich jede von uns mit Familie und Freunden aufbauen kann. Da ist zwar nicht immer konkrete Hilfe im Alltag möglich – aber wir haben trotzdem jemanden, dem wir auch mal unser Herz ausschütten können. Der uns aufmuntern und Mut machen kann. Wenn wir als Elternteil alleine leben, ist das Gold wert.

Selbstständig alleinerziehend: Adios Selbstfürsorge?

Noch einen darauf setzen die Mamas unter uns, die sich – wie ich auch – selbstständig gemacht haben. Denn da kommt zu den gewöhnlichen Zweifeln noch mal die Frage hinzu, ob man die richtige Balance zwischen Kindern und Beruf auch einhält – ob man nicht zu viel arbeitet oder den Kindern zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. (Hier eben ganz besonders deshalb, weil Selbstständigkeit nicht an der Wohnungstür aufhört – und auch nicht beendet ist, wenn man z. B. 20 Stunden Arbeitszeit abgeleistet hat.)

Wir Alleinerziehenden haben nicht den Luxus, dass noch jemand da ist, der für die Familie sorgt. Wir sind vollkommen allein verantwortlich.

Wir kümmern uns darum, unseren Lebensunterhalt zu sichern.

Wir halten den Laden am Laufen, wie man so schön sagt. Wir kümmern uns mit viel Herz und Liebe um unsere Kinder.

Und ein bisschen Selbstfürsorge muss auch noch drin sein, damit wir keinen Burn-out bekommen – und sowieso gehört Selbstfürsorge für eine moderne Mom (auch im Sinne der Selbstoptimierung) dazu. Damit wir in der Lage sind, entspannt, geduldig und liebevoll zu den Kindern zu sein.

Manchmal wird aus dem Bemühen, die Balance zwischen allem zu halten, eine Kür. Nein, eine Farce. Schon fast ein Zwang, alles irgendwie perfekt hinzubekommen.

Denn klar – wir Mütter müssen für uns selbst sorgen, damit wir andere versorgen können. Und irgendwie scheint jeder da draußen der Meinung zu sein, dass die Zeit dafür selbstverständlich da ist. Wir müssen sie uns nur einfach nehmen. Also sind wir, wenn wir das nicht schaffen, automatisch Versagerinnen.

Aber stopp!

Geht’s noch? Die Utopie von der perfekten Mutter

Mutter sein ist ein Vollzeitjob. Mit Selbstständigkeit oder Angestelltenjob arbeiten wir fast schon für 2. Aber Zeit für Selbstfürsorge? Klaro – kein Problem. Das ist doch alles so easy. Und das erst recht, wenn du nicht mehr mit dem anderen Elternteil zusammenlebst und den Alltag mit Kindern komplett alleine bewältigen musst.

Ach, und was ist eigentlich, wenn wir keine große Familie haben, die uns unter die Arme greift? Und auch kein Geld für den Babysitter?

Manchmal frage ich mich ehrlich, ob die da draußen, die über Mütter und ihr Zeitmanagement urteilen, eigentlich noch alle Tassen im Schrank haben… Aber ganz bestimmt haben sie das, wenn ich mir das jetzt überlege. Denn sie haben wahrscheinlich keine Kinder, deshalb sind alle Tassen wohl sortiert und noch vollständig. Oder sie gehören der Gattung der Väter an, die in keinster Weise nachfühlen können, was in uns vorgeht.

Fakt ist: Die Gesellschaft hat Vorstellungen und Ansprüche an uns Mütter, die ganz einfach nicht realistisch sind. Wir sind nun mal nicht die ewig lächelnden, immer super gestylten und perfekten Mamis, deren Haushalt zu jeder Tageszeit glänzt und die für jeden und immer Zeit für belanglosen Small Talk haben – geschweige denn Lust.

erschöpfte Mama im Alltag
Photo by Sinitta Leunen on Unsplash

Nein, wir sind auch mal frustriert, genervt, manchmal versinkt der Haushalt im Chaos und die Kinder streiten den ganzen Tag. Ja, und an manchen Tagen ist es unser größter Erfolg, wenn die Kinder abends friedlich im Bett liegen und schlafen – nachdem sie alle Schränke geleert und sich dann erbitterte Kämpfe um genau dieses eine Spielzeug geliefert haben.

Lass dir kein schlechtes Gewissen machen!

Deshalb liebe arbeitende und alleinerziehende Mama, lass dir nichts erzählen! Lass dich nicht beeinflussen. Es ist ok.

Es ist ok, dass du es manchmal nicht schaffst, abends, wenn die Kinder schlafen, noch eine halbe Stunde Sport zu machen, danach die ganze Bude aufzuräumen und zum Schluss noch eine halbe Stunde für deinen Seelenfrieden zu meditieren.

Es ist ok, wenn du so erschöpft bist, dass du entweder mit deinen Kindern einschläfst oder maximal noch die Energie hast, einen anspruchslosen Film zu schauen.

Es ist ok, dass du manchmal traurig und voller Selbstzweifel bist. Es ist ok, dass du dich manchmal fragst, wo du eigentlich bleibst.

Du kannst es vielleicht jetzt noch nicht sehen. Aber das ist eine Phase, und sie wird vergehen. Es werden auch wieder Zeiten kommen, in denen du voller Energie dein Fitnessprogramm durchziehst, in denen deine Wohnung super ordentlich ist und du genug Zeit hast, um dich zu entspannen und für dich selbst zu sorgen. Aber es gibt auch Zeiten wie diese – in denen wir nichts von alldem schaffen.

Und das ist ok.

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