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Mütter-Solidarität: Ein Plädoyer für mehr Support und weniger Perfektion

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  • 19. November 202119. November 2021
Unterstützung unter Müttern

Erst kürzlich las ich einen Artikel, in dem es darum ging, dass Alleinerziehende oft mit einem unterschwelligen Abscheu behandelt und bemitleidet werden – und eine Freundin von mir postete am gleichen Tag einen Spruch, der mich traurig machte. Daraus entstand dieses Plädoyer: Für mehr Ehrlichkeit, mehr Mitgefühl, mehr gegenseitige Unterstützung – unter Müttern, aber auch gesamtgesellschaftlich. Und gegen den Anspruch, immer fehlerlos und perfekt zu sein.

Wir schaffen das schon. Oder vielleicht auch nicht?

Besagter Spruch, den ich bei einer Freundin las, war folgender:

„Und irgendwann nachts, wenn du wieder alleine dasitzt, läuft dir das ganze „Klar schaff ich das… Tue ich doch immer“ einfach aus den Augen.“

Was für ein trauriges Bild! Mich hat es richtig ins Herz getroffen. Denn hier geht es um diese vermeintlich so bemitleidenswerte Gruppe der Single-Moms und Alleinerziehenden. Und als Single-Mom weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann. Ich kenne die Nächte, in denen man allein da sitzt und – auch wenn keiner zuschaut – versucht, stark zu sein. Und in denen dann doch die Tränen kommen und nicht aufhören wollen, zu fließen.

Und nein, es ist NICHT die Tatsache, dass wir Mütter alleine da sitzen, die uns weinen lässt. Wenn wir keinen Partner haben, wünschen wir uns vielleicht einen – ja. Aber das ist noch lange kein Grund zur Verzweiflung. Das, was uns Single-Moms das Leben so schwer macht, ist der Alltag.

Sind die inneren und äußeren Kämpfe, die wir auszufechten haben.

Ist die Tatsache, dass wir für alles alleine die Verantwortung tragen und niemanden haben, der sie mit uns teilt (das muss nicht zwingend ein Lebenspartner sein).

Von finanziellen Nöten und dem täglichen Kampf, eine gute Mutter zu sein

Eine der größten Herausforderungen überhaupt ist die, finanziell auf soliden Beinen zu stehen. Als Alleinerziehende mit Kindern im Kindergarten- oder Schulalter mit regelmäßigen Schließzeiten (Ferien) regulär arbeiten gehen? Kein Mensch hat so viel Urlaub, wie es Ferien in der Schule gibt. Was also tun mit den Kindern? Ich frage mich tatsächlich ernsthaft, wie die berufstätigen Alleinerziehenden das schaffen – zweiteilen können wir uns schließlich nicht. Hinzu kommt, dass Schul- und Arbeitszeiten nicht immer unbedingt zueinander passen. Einer Arbeit nachzugehen, die da entsprechend flexibel ist und noch dazu so gut bezahlt ist, dass Frau eine Familie davon angemessen versorgen kann – das zu finden, erscheint mir wie eine riesige Herausforderung. Als Selbstständige habe ich immerhin das Glück, meine Arbeitszeiten weitestgehend frei einteilen zu können.

Aber klar – natürlich können wir Mütter uns organisieren. Babysitter, Nachmittagsbetreuung, zur Not jemand in der Nachbarschaft: Wir können natürlich unsere Kinder permanent fremdbetreuen lassen. Das führt aber gleich zum nächsten Dilemma: Wir stehen ständig im Spannungsfeld zwischen existentiellen Notwendigkeiten (Arbeiten, um das Leben zu bezahlen) und dem Wunsch, für unsere Kinder da zu sein und die besten Entscheidungen für sie zu treffen. Manch eine Alleinerziehende wird innere Kämpfe ausfechten, weil die Fremdbetreuungslösung eben nicht immer die beste Lösung ist – sie ist nur meist die Einzige, die in dem Moment irgendwie funktioniert. Wir machen also Kompromisse, schaffen irgendwie, alles unter einen Hut zu bringen – und kommen dadurch an den Rand unserer Kraft. Trotz Erschöpfung und Stress versuchen wir, die Zeit, die mit den Kindern bleibt, noch schön zu gestalten und den Kindern zu zeigen, dass wir sie lieben. Wir tun alles, um für unsere Kinder eine gute Mutter zu sein – und ich muss ehrlich sagen, dass die Alleinerziehenden, die ich kenne, unheimlich starke und bewundernswerte Persönlichkeiten sind. Einfach deshalb, weil sie nicht aufgeben. Weil sie sich, als der Zeitpunkt kam, dafür entschieden haben, dass sie es schaffen werden – anstatt den Kopf in den Sand zu stecken. Im Grunde bleibt Alleinerziehenden auch einfach keine andere Wahl.

Dennoch: Alles hat seinen Preis.

Und unser Preis sind die Tränen, die hin und wieder einfach raus wollen und müssen. Denn bei aller Stärke und Entschlossenheit: Es ist verdammt schwer. Für manche noch schwerer als für andere.

Einfach unnötig: Mommy Wars und Perfektionismus

Gekrönt wird die Situation noch vom Verhalten in der Mama-Community. Wer kennt sie nicht, diese Gespräche – beinah wie im Film – in denen die Kinder verglichen werden oder gar die Mütter sich vergleichen. Dabei geht es darum, sich und seine Familie möglichst gut darzustellen; man will ja schließlich nicht als Versagerin gelten. Ein klassisches Beispiel ist die Frage nach dem Schlaf. Mütter wissen, was ich meine – ich führe das nicht weiter aus.

Die „Quälgeister“, die schwierigen Kinder, Wutanfälle, Kind-schmeißt-sich-im Supermarkt-auf-den-Boden-und-brüllt-Geschichten gibt es demnach nur bei „den anderen“. Und natürlich läuft es auch in der Paarbeziehung aller Eltern immer bilderbuchmäßig ab.

Aber weißt du was? Das ist einfach Quatsch. Das ist die reinste Selbstdarstellung, um ja nicht negativ aufzufallen. Daher kommt auch dieses Gefühl von „Alle anderen schaffen es, nur bei mir läuft es nicht rund. Was mache ich bloß falsch?!“. Genau DAS ist komplett falsch. Bei anderen läuft es auch nicht immer rund – es gibt schlechtere und bessere Phasen, wie bei uns auch. Ich habe von Anfang nie irgendwas versteckt – habe mich an dem „Wer ist besser“ nicht beteiligt. Und damit habe ich die Erfahrung gemacht, dass andere Mütter plötzlich offen wurden und nachgefragt haben: „Wie machst du denn dies oder jenes? Ja, das haben wir auch!“ und nicht nur einmal wurde mir ein Dank dafür ausgesprochen, dass ich so ehrlich bin.

Uns würde ein Mehr an Ehrlichkeit und Solidarität unter Müttern so guttun! Natürlich ändert das nichts daran, dass gerade Alleinerziehende immer noch zu kämpfen haben. Aber vielleicht fühlen sie sich dann wenigstens weniger allein – wenn sie wissen, dass es anderen genauso geht.

Warum es so wichtig ist, dass wir uns gegenseitig unterstützen

Ich sag es mal ganz deutlich: Wenn wir darauf warten, dass sich politisch der Anliegen von Alleinerziehenden angenommen wird, dann können wir lange warten. Zu wenige Politiker*innen nehmen sich ernsthaft diesem Thema an. Deshalb können wir uns nur das Leben im Kleinen leichter machen. Indem wir einfach die eine Freundin sind, der man sich anvertrauen kann, wenn wieder alles zu viel ist. Indem wir aufhören, uns selbst darzustellen, und anfangen, ehrlich miteinander zu reden. Wir können keine Strukturen ersetzen, die eigentlich der Staat etablieren muss – aber wir können trotzdem füreinander da sein.

Den Schmerz teilen. Die Tränen auffangen. Verständnis und Mitgefühl zeigen, wenn es nötig ist.

Und an anderen Tagen auch schöne Momente miteinander teilen.

Alles „irgendwie schaffen“ müssen wir immer noch alleine – aber gleichzeitig können wir wissen und spüren, dass wir damit nicht alleine sind.

Wir müssen „es“ auch nicht immer schaffen – das ist gar nicht möglich! Wir tun unser Bestes, und das ist genug.

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